13.02.2023

Und „Überhaupt“

Das zurzeit spannendste und außergewöhnlichste Kulturprojekt in Aachen

Tür mit Aufschrift Überhaupt
Foto: Martin Heinen
Hella Kunz und Robert Sukrow
Foto: Martin Heinen
von Martin Heinen
 

Wer macht so etwas überhaupt? Was soll das überhaupt? Diese Fragen kann man sich allgemein stellen, wenn man sich und/oder etwas bewegen will. Aber auch oder gerade, wenn die Frage schon die einzig richtige Antwort ist – in einem anderen Raum, mit einem anderen Kopf und Programm. Irgendwo auf einer privaten Mini-Insel z.B., die in der Aachener Viktoriastraße 35 liegt, irgendwie off-shore des normalen Betriebes, versteckt und weit genug ab von der bisher bekannten Küste mit K wie Kultur. Prive ist hier vereint. Kollektiv ist hier ein Duo als Paar auf der Reise – im kreativen, kongenialen Duett. Zweisam bedeutet hier vor allem gemeinsam, also auch offen für alle. Total lokal, aber auch kultur-exterrestrisch gespiegelt.

Es gibt keine Klingel.

Der Kopf muss nicht in Neon brennen, er leuchtet auch so und immer signifikant. Als ungewöhnliche Reklame mit unbekanntem Wesen. Das Antlitz eines Aliens, cartoonhaft gezeichnet. Man sieht stilisierte, weiße Zellenflächen an hellblauer, offengelegter Hirnmasse, ein paar aufgedickte, rote Adern und eine Gitterbrille, auch adrig umrahmt vor den Augen, die dahinter schauen könnten, oder eben nicht. Der Rolladen scheint für immer heruntergezogen zu sein, die Sichtfenster in der Eingangstür sind von innen mit weißen Holzbrettern beschlagen. Darüber ist nur in schwarzen, handschriftlich anmutenden Lettern geschrieben: Überhaupt. Es gibt keine Klingel.

Unendliche Weiten auf 42 Quadratmetern.

Man steht direkt in einem Raum der anderen Art. Dies hätte man schon erahnen können – etwa wegen des Scifi-Hauptes an der Altbau-Fassade, oder eben überhaupt nicht. Wir schreiben das Jahr 2023. Der Teil der Straße liegt eher im Schatten. Keine Sterne weit und breit. Vielleicht war es mal ein Milchladen, eine kleine Metzgerei oder was vorher auch immer. Nebensächlich. Darin nun: Unendliche Weiten auf ganzen 42 Quadratmetern. Dies ist das Abenteuer mit einem Zimmer plus Wohnküche, das mit einer zwei Mann/Frau starken Besatzung seit 2018 unterwegs ist, um eine fremde, aber freundliche und nicht befremdliche Galaxie zu sein, gemütlich wie innovativ, behaglich wie wild, ganz wirklich/nahbar/normal/persönlich wie neu und ungewöhnlich. Ganz nah, am nächsten dran – aber aus anderen Fernen erdacht, um zu erleben, zu erforschen, neues Kulturleben zu erreichen. Zu landen. Lichtjahre weit weg vom lokalen, üblich organisierten wie finanzierten/gestalteten Kulturglobus. Der steht zwar tatsächlich auch hier als leuchtendes Objekt auf dem Gasofen, aber eben anders gemeint wie dekoriert.

Das Zimmer ist ein Saal.

Das Zimmer ist ein Saal. Vier Meter hoch, die Stuckrosette an der Decke ist blau und punktgenau angestrahlt, eine Mini-Discokugel rotiert, die links quergestellten Stuhlreihen wirken wie außerirdische Besucher, geradeaus rechts geht es eine kleine Stufe hoch, darauf ein Lesetisch, zwei Kerzchen, darüber wartet ein Mikro an der Stange. Alles ruht vor einem weinroten Vorhang. Es ist dramaturgisch angerichtet. Es soll schön sein, nach Willkommen strahlen, wohlfühlend wie warmherzlich. So wie immer eben.

In der Wohnküche dreht sich der gelbe Plattenspieler. Leise, aber vernehmbar genug. Mit bewusst und fein ausgesuchter Musik. Ein rotes Sixties-Ledersofa, darauf ein Kissen, passend mit dem CI-Alien-Kopf bedruckt, darüber erklärt ein Colagenbild „They came from outer space“, im Regal steht diverse, dichtgedrängte Sci-Fi-Literatur, auch der Titel „This Island Earth“, aus dem der plakative Kopf als „Überhaupt-Logo“ entlehnt ist. 

Woher sie kamen und wohin sie reisen – erklären die eingerahmten Flyer, die an der Wand hinauf gehängt wurden. Ein Mikrokosmos: 40, 50, 60 Stück an Postkarten, an neuen Entdeckungen, an Stars, an aufgehenden Sternchen, an Lichtabenden (immer nur von 20 bis 22 Uhr), an musischen Momenten und Bekanntschaften – unendlich viele anscheinend, es gibt kaum mehr einen freien, weißen Flecken für den nächsten Nagel, die nächste Band, den nächsten Trip, die nächste Seite im Roman von Hella Kunz und Robert Sukrow. Der ist real, also non-fiction, aber auch zukunftsweisend. Kulturliebend wie (privat) kulturpolitisch vor allem.

Wie vor einer Tierhandlung.

Robert sagt, dass er sich wie an einem Schaufenster einer Tierhandlung geklebt fühlte und hineinschaute: „Es muss nochmal etwas passieren. Nur – was sollte dies überhaupt sein?“ Hella sagt: „Ich fand die Idee anfänglich nicht so gut und hatte schon Respekt vor der Umsetzung und der möglichen Belastung…“. Beide guckten weiter – hatten zumindest schon mal den Namen des Projektes im Kopf und suchten im F4-Quartier nach einer passenden, neuen Basis: Wenn überhaupt, dann als „Überhaupt“. Robert (50) arbeitet seit 32 Jahren beim Metallverarbeiter Aurubis in Stolberg, Hella(55) ist Erzieherin. Robert ist in der Aachener Kulturszene überhaupt kein Unbekannter – als Lyriker, Schreiber, Kultur-Impresario, zudem liebt er auch Science-Fiction, Musik und Design – und solche aparten „Kultur-Apartments prive“ dafür. Schräg gegenüber in der Viktoriastraße hat er über viele Jahre, ebenfalls in einem Privathaus implementiert, die Literaturbühne „Lesezeichen“ inszeniert.

Auf 1 x 3 Metern nach ganz oben.

2018 ging es also los. Geplant waren anfänglich vor allem Lesungen. Mit und mit rutschte der Raumgleiter aber eher auch in musikalische Sphären ab und hoch. Das kann an der Bühne im Wohnzimmer liegen, eine Kapsel, nur ganze 1 x 3 Meter breit wie weit, also wirklich galaktisches Kleinstformat. Ein Podium, ein Musikkasten in Unplugged zum Start in andere Welten. Schaut man von oben auf diesen kleinen Planeten und auf diese Zwei, lauscht man ihnen, dann hört man alles heraus: Die beiden, eigentlich Amateure in diesem „Business“, sind längst Profis, ausgewiesene, ganz feingetunte Musikliebhaber wie –Kenner – in normalen wie in progressiven Stilschubladen wissend, suchend, sich vernetzend. Könnten die Flyer an der Küchenwand die Konzerte abspulen, die hier stattfanden, wäre es eine Musikbox, die jeder einmal live genossen haben sollte. Manche kann man kennen, viele aber auch (noch) nicht. Das „Überhaupt“ ist auch ein Planetarium für Neuentdeckungen und Überraschungen. Wechselseitig: Für die beiden Gestalter, die Gäste und die Auftretenden. 

Alles Sterne.

Hinzukommt ihre offene, sympathische, nach vorne zeigende, aber auch zurückhaltende, fürsorgliche Art als Gastgeber, Macher und Freunde. In Richtung KünstlerInnen, in Richtung Gäste, in Richtung nach allem. Dies und der Rest dazu haben schnell weite, positive und umarmende Wellen wie Klänge geschlagen: Fast alle zwei Wochen gibt es nun ein Konzert. Die MusikerInnen und Bands kommen von (fast) überall her. Global: Kleine Größen, große Größen, auch „wirkliche“ Stars. Solche, die hier vor nur 42 auftreten wollen, aber sonst oder später auch vor Zehntausenden bejubelt werden. Solche, die nochmal zurück in die intime, direkte Atmosphäre wollen. Solche, die per Mundpropaganda unter Kollegen den heißen Tipp bekommen haben. Solche gibt es mittlerweile sehr, sehr viele. Keine aus dem Allerlei, alle sind Sterne, also Stars auf ihre Art. Im Tour-Logbuch der Szene ist das „Überhaupt“ mittlerweile eine angesagte erste Adresse.

Wenn Hella erzählt, spricht aus ihr die gewissenhafte, immer neugierige, immer zugewandte, bestens vernetzte, auch organisatorisch perfekte Bookerin. Wenn beide darüber sprechen, wird deutlich, mit wie viel Fingerspitzengefühl, Sachverstand und Empathie sie die Bands auswählen, betreuen und beheimaten. Inklusive der Übernachtungsmöglichkeiten in der eigenen Wohnung. In optimierter Harmonie – als Paar, als Team, als die beiden entscheidenden Köpfe – in der Gemeinsamkeit und im Gegensatz.

Culture-Fiction.

Culture-Fiction: Das, was sie da machen – mit nur 42 Stühlen vor einer Bühne in XXL-Doppelbett-Größe – ist das zurzeit spannendste, außergewöhnlichste und dann auch wegweisendste Kulturprojekt in Aachen. Eine durch und durch private Initiative, ein „Hobby“ auf hohem und professionellem Niveau. Absolut non-profit konzipiert wie umgesetzt. Kein Stäubchen kommerziell, keinen Hauch, kein Tönchen auf Ego, Tamtam und profanen Gewinn setzend, also Kultur-Impuls/-Dialog in Reinform. Mit „Full of heart“, wie sie es selbst umschreiben. Längst auch nicht mehr als „Geheimtipp“, sondern meist ausgebucht. Reservierungen gibt es nicht, geöffnet wird jeweils um 19.30 Uhr. Bei maximal 42 Gästen wird die Tür verschlossen. Klingeln lohnt nicht, es gibt ja keinen Gong. Pünktlich um 22 Uhr ist Sperrstunde.

Apropos Geheimtipp.

Am Samstag, 18. Februar, 20 Uhr, landet der amerikanische Singer/Songwriter Brooklyn Dekker, in der Viktoriastraße. Er wurde neulich noch im Fachmagazin „Rolling Stone“ als upcoming Star der internationalen Folk-Pop-Szene gefeiert. „International…und Star…“ Er tritt dort schon zum 2. Mal auf. Unglaublich, aber wahr und wunderbar. Kosmisch, dass so einer…den weiten Schritt in die Kaiserstadt macht – in und für das „Überhaupt“, um genau zu sein. Das ist groß.

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