20.10.2022

Mary Schumacher

Singing…up that hill

Mary Schumacher mit Gitarre im Wald
Foto: Mary Schumacher
von Martin Heinen
 

“Would you fall a bit deeper, if the way got much steeper? I don`t wanna see you there. Would you fall even deeper, if you`re stuck in that corner? I don`t wanna see you there.” Das Zimmer, in und aus dessen Halbdunkel diese Zeilen auf einer leichten Welle heranschweben, liegt im Unbekannten. Irgendwo. Ein Gleichnis für jedes Zimmer und jede Einsamkeit. Überall. Die Worte darin und die Bilder ihrer Stimme aber führen gleich ins Herz. Wie ein lieblicher Stich. Ihr kurzer, sich abwendender Blick hinaus durch`s zu kleine Fenster – auf sich selbst (zurück), während ihr zweites Selbst ganz nah draußen in einem Vorgartenbeet hockt, gleitet wie angehalten dahin. Aus der Verschlossenheit auf sich selbst geworfen, in Blumen, gesäte oder wilde oder beides, versetzt. Draußen. Drinnen: Sie schließt die Gardine gleich wieder – wie ein vergangenes, abgeschlossenes Kapitel. Es ist aber kein schwerer Vorhang, es ist und bleibt ein noch genügend durchsichtiges Objekt des Zwielichtes. Auf der Schiebeleiste des Momentes (und des Lebens) – zuckt es für Sekunden. Kurz aufgebrochen, schneller wieder zugeklappt. In dieser Ecke, in der Kammer nun – verharrend und steckend.  

Es gibt kein Zurück.

Es ist ein Spiegel, der auch nichts sagt und erklären kann. Es gibt kein Zurück im Wohin, wohl. Gleich hinter ihr blenden im Standbild zwei schneeweiß gefiederte Engelsflügel auf, die an die Wand gelehnt, vielleicht für lange Zeit abgestellt, eher aber wartend sind. Ganz kurz. Im Vakuum mit sich selbst. Federleicht eigentlich, aber mit symbolischer Schwerkraft angebunden. Da ist die eine Person von ihr, die durch den Raum geht und gerade aufzubrechen scheint, während ihr anderes Ich zuerst noch sitzen bleibt und (noch) grübelt. Die eine zieht die andere nun hoch und ermunternd (mit sich) fort. Liebevoll zum unbekannten Ausgang. Vorher reißt sie die Gardine ganz auf. Es wird heller. Für die andere.

Aufatmen und sich hinaufsingen.

Es könnten bebilderte Töne des Kitsches sein – mit einer Folkgitarre als Utensil, die irgendwie nach Nashville zupft, an der Landstraße den Daumen raushält…Undsoweiter. Country-Klischee eben, Pop-Folk-Folkloristik, süß-melancholisch, ein leichtes To-Go-Liedchen, ohrwurmig anbiedernd. Ist es aber nicht. Ist es, klingt es, lockt es aber überhaupt nicht (mit). In ihrem Song „Higher“ und im Videoclip dazu: …er ist an sich und in der filmischen Umsetzung ein Road-Movie, sicherlich. Aber eine andere Reise – in insgesamt 253 Sekunden, die viel länger sind, als sie faktisch ticken. Alles lebt, glitzert und perlt wesentlich in und mit ihrer Stimme – und wie sie (sich) damit durch den Weg des Songs zum Hügel hinaufsingt, ganz sacht, aber dann auch impulsiver heranschwingt. Wie der weiße Falter, der gleich in einer der nächsten Szene und kurz vor dem extrem ohrkrabbelnden Refrain über der hellblauen Wildblume tänzelt.

Mal vorsichtiger, mal mutiger, aber immer im freien Flug. Es kann am geschickten, perfekt und intelligent arrangierten Aufbau des Liedes liegen, das sich behutsam entwickelt, aber still und heimlich doch gewaltig auftürmt, ohne dass es zu wolkig oder belastend schwer wird. Es atmet auf, es hat etwas Immer-Leichtes, aber nichts Seichtes. Es hat etwas Spontanes, ist aber tiefgründig. So auch auf den Punkt gesungen – entlang aller Songpunkte und – geraden, die auch in der Variation der Instrumentierung wunderbar gesetzt wie produziert sind.

Tief im Süden und unter dem Himmel von Nidrum.

Wesentlich liegt es aber an ihr, wie sie ihren Song erzählt, wie sie hinein- und hinausführt. Ein geöffnetes Fenster wie oben. Nun mit vielen Fenstern, Ein- und Ausblicken. Ganz persönlich, ganz ihre Welt, die sie mitteilt. Der Song ist ganz(heitlich) – poetisch. Sie hat ihn geschrieben. Unter dem Himmel vom Örtchen Nidrum – tief in und aus dem Süden. Aus der Prärie in der Nähe von Bütgenbach, Ostbelgien. Wie gesagt: „Higher“ – heißt er. Und er fliegt höher. Bisher mit über 10.000 Aufrufen auf YouTube, innerhalb von 10 Monaten. Am Ende des Videoclips steht sie mit ihrer Freundin an einem Felsvorsprung. Die Engelsflügel tauchen nun auch wieder auf – an ihre Schultern geheftet.  “Will you leave this place with me. Cause if you`re low and I´m tired. We will catch us to get higher. And when we leave, we will never look back to it. We are stronger with that passion. We are losing our compression. I will take you higher. You will take me higher.” „Higher“ ist nicht nur eine persönliche Liebeserklärung an die (Überlebens)kraft der Freundschaft, sondern auch eine Hommage an ihre Heimat. Die Produktion des Videoclips wurde von der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) mitfinanziert.

Keine singende Elfe.

„Higher“ ist ein Mosaikstein von insgesamt 7 auf der CD-Produktion von Mary Schumacher unter dem Titel „Ember“, komponiert und arrangiert mit dem Produzenten und Musiker Dany Gallo in seinem Studio W59D in St. Vith. Gallo hat u.a. auch schon mal die erfolgreichen „Wise Guys“ tontechnisch verfeinert. „Über ein halbes Jahr lang bin ich fast täglich ins Studio gefahren, um meinen Traum wahr werden zu lassen…“, erzählt die 29jährige über ihren persönlichen Trip zur professionellen Produktion, die sie schon als Kind auf dem verträumten Schirm gehabt habe. In ihrer Familie, die einen BIO-Bauernhof im 874-Seelendorf Nidrum betreibt, ging es auch immer musikalisch zu. Ihr Vater ist Gitarrist und spielte etwa in den Bands „Headlice“ und „Atlantis“. Mit 8 Jahren bekommt sie ihre erste Gitarre und nimmt über 5 Jahre lang klassischen Gitarrenunterricht. Dann folgt der Ausstieg aus dem klassischen Korsett und der Einstieg in die andere Freiheit des Pop. „Ich weiß nicht, was ich spiele. Ich gehe nach Gehör vor, taste mich langsam weiter…“, beschreibt sie heute ihre Art des Songwritings, dessen Vorgehensweise intuitiv sein mag, aber im Ergebnis kompakte, ausgefeilte Kompositionen entstehen lässt.

Ihre Stimme.

OMÀRYA – ist der Name, den sie sich als Künstlerin gegeben hat. Im “Elbischen“, der Kunstsprache von Tolkien, bedeutet er: Ihre Stimme. Und er deutet auf das Mystische und das Zauberhafte hin, das auch zu ihr gehört. Nicht als singende Elfe, aber in ihrem engen Bezug zur Natur, zu ihrer Heimat am Venn. Das ist eine Basis, ein Spirit, den sie auch (sonst) lebt. Etwa, indem sie mit Naturstoffen Kleidung färbt und gar aus ihnen komplette Mode kreiert. „Selfmade cloth from the nature“ – etwa auch mit Hüten aus Pilzen. Zudem entwirft sie venn-tastische Fotocollagen. Da sind ihre Sphären, die sie essentiell mit ihrem kreativen Kescher einfängt, musikalisch wie filmisch verortet: z.B. im Song „Isolated Spheres“, den sie im Sommer 2021 als Soundtrack zum Kurzfilm „The Repairer“ von Joshua Cremer beisteuerte. „Diese erste Arbeit im Studio hat mich so positiv gefangen genommen und bereichert, dass wir dann gleich auch den Weg zur CD weitergegangen sind…“.

So klar wie die Bäche.

Die Motive in den Videoclips – der Waldnebel, die toten Bäume im Moor, die einsamen wie sonnigen Bäche und Wege – sind keine Staffage, keine gekünzelten Projektionen eines Venn-Girls, das auf folkig-romantisierende Waldfee macht. Sondern wirklich und echt. So glaubwürdig gemeint, gesungen – und in Songs transformiert, die nicht nur bildlich auch über das hohe Bütgenbacher Viadukt, also über eine Brücke spazieren, gleiten und abheben gehen, oder landen.

Sie selbst beschreibt sich als eher introvertiert. Dabei sind die Ergebnisse ganz deutlich: extro und extra. Ihre Basis dazu ist so klar wie die Bäche, die in den See gleich nebenan fließen. Das ungetrübte Gespür für pop-lyrische Punktion, für Riffs und Hooklines, den richtigen Refrain und für die kompositorische Gesamtdramaturgie. Das ist Songwriting – wie ein Schwamm. Mit einer starken, unverwechselbaren Farbe: natürliche Persönlichkeit.

Manchmal noch leicht zaghaft, versuchend und suchend, aber gesangs- und musikseismografisch schlägt es heftig und mehr als vielversprechend aus. „Ember“ ist ein Anfang, aber mehr als dies. Auf dem Weg zum größeren Fluss der Möglichkeiten und der Bekanntheit. Die CD ist fast ausverkauft. Es gab schon Auftritte im DG-Land – etwa im Kino Corso, im „Triangel“, im Eupener Atelierhaus, beim „Musik-Marathon“ oder im „Pigalle“. Mary Schumacher ist (auch) gesamtkünstlerisch unterwegs. Sie studierte Grafik-Design an der „L´Ecole Superieure des Arts Saint-Luc de Liege“. Sie gestaltet alles selbst – das CD-Cover, das Booklet, Plakate, Poster. Jede CD ist – bis auf die professionellen Aufnahmen – auch ein Unikat, individuell und liebevoll entworfen.

Auf dem Hügel: „Mr. Nice Guy“

Wohin sie der Weg zum Hügel hinauf und auch noch viel weitertreiben mag, knallt in ihrem neuen Stück „Mr. Nice Guy“ durch, das noch nicht veröffentlicht ist. Es ist eine packende R `n` B-Auf- und Abfahrt, die im Up-Tempo und mit einem Saxophon beginnt, das sich wie aus einem Schlangenkorb hinaufschlängelt. Wildwasser: Fast soulig, aber dann genauso rockig, leicht jazzy – groovt und zieht es hoch und tiefer. Das Saxophon bleibt und umschlingt den musikalischen Wellenritt durch den Stil-Clash spannend weiter.

Thematisch geht es um eine Endabrechnung mit einer doppelgesichtigen Liebe, die eben keine war. Eine Ansage, eine Narbe, eine Selbstbefreiung. Der Spagat darin – zwischen trauriger Erkenntnis, Enttäuschung, Herzunfall, Flucht, Selbstschutz und neuem Mut wird musikalisch 1:1, also perfekt, frisch und ganz hip umgesetzt. Textlich sowieso. Im Aufeinanderprallen vom Stillsein und lauter sein müssen, im Dialog und Strudel zwischen der Hauptstimme mit der Zweitstimme sowie im Chor. Im Break, der wie gegen eine Wand kracht, im Ein- und Ausfaden bis zum letzten Ton. Balladenhaft wie tanzbar, optimal versponnen. Die natürliche Stimme verwebt sich irgendwann im Duett mit ihrem autogetunten Hall. Ungewöhnlich, aber beeindruckend, wie hier auch konsequent mit dem Sax „gespielt“ wird. Durchgehend. Das ist keine Songübersetzung von der netten Stange zu einem unnetten Thema, das ist anders, faltet sich weit und groß auf. Ein ungewöhnlicher Regenbogen, der fegt und dabei reinigend wirkt. Als ein Lied, das heraussticht. Angekommen – ganz oben. Eindringlich durch`s Fenster geweht – auf`s Sofa oder den Tanzteppich im Ohr. Wie ein groovender Stein- und Herzschlag, auch. Es hat nicht nur etwas von…Der Song schlägt ein und zu. Man muss einfach nur noch ein Radio dazustellen. It´s hit(s) – heißt das übersetzt. Weitere Infos: www.omarya.art

Stichworte dieses Beitrags:
Grenzenlose Ideen Martin Heinen

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